"Wenn man so etwas zitiert, wie den Satz vom Zins, so bitte ich zu berücksichtigen, daß in jedem Satz meines Buches angestrebt ist, ehrlich das zu sagen, was wirklich ist, und daß in meinem Buch streng abgewiesen wird alles das, was Zins vom Zins sein soll. Also, ein wirkliches Wachstum des Kapitals, wie es heute der Fall ist, wo sich ein Kapital in fünfzehn Jahren verdoppeln kann, ist unmöglich, wenn jene Wirklichkeit eintritt, wie ich sie in meinem Buch schildere. Aber ich spreche allerdings von einem rechtmäßigen Zinsverhältnis. Hierbei bitte ich zu berücksichtigen, wie ich in meinem Buch vom Kapital spreche. Denn sehen Sie, es ist leicht, den Leuten etwas vorzumachen, indem man ihnen sagt: Wenn man allen Zins abschafft, dann kommt das Richtige heraus. - Es handelt sich bei allen diesen Dingen nur darum, ob man es kann. Und ich habe nur solche Dinge beschrieben, die wirklich durchgeführt werden können. Bedenken Sie, wie die Sache steht. Das Geld bekommt, wenn die Dinge verwirklicht werden, die in meinem Buch stehen, einen gewissen Charakter. Ich habe das manchmal Freunden gegenüber etwas banal so ausgedrückt, indem ich gesagt habe: Das Geld wird in der Wirtschaftsordnung, die in meinem Buch gemeint ist, zum ersten Mal wirklich stinkend.

 

Was heißt das? Das heißt das Folgende: Wenn ich Wirklichkeiten erwerbe - das Geld an sich ist keine Wirklichkeit, sondern nur dadurch, daß die Machtverhältnisse entsprechende sind, ist das Geld eine Wirklichkeit -, wenn ich also Wirklichkeiten erwerbe, so unterliegen diese dem Gesetz des Verbrauchtwerdens. Kapitalismus in realem Sinn haben wir ja nicht bloß innerhalb der Menschenwelt, sondern auch in der Tierwelt. Wenn der Hamster hamstert, wenn er seinen Wintervorrat anlegt, dann ist das sein Kapital für die nächste Zeit, nur hat es die Eigenschaft, daß man es nur in der nächsten Zeit brauchen kann, sonst würde es zugrunde gehen. Und wir haben es in unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung dazu gebracht, daß wenigstens für gewisse kurze Zeiträume das Geld den Charakter aller übrigen Wirklichkeiten verloren hat. Was tun wir denn, wenn wir die Zinsen ausrechnen? Wir multiplizieren das Geld mit Prozenten und Zeit und dividieren durch hundert. Dadurch bekommen wir den Zins heraus. Dadurch haben wir mit unwirklichen, mit Scheingebilden gerechnet! Wir haben mit dem gerechnet, was wir als Repräsentanten der Wirklichkeit hingestellt haben. Das, was durch Kapital produziert wurde, kann längst unbrauchbar geworden sein, kann sogar ganz und gar nicht mehr vorhanden sein, und dennoch kann man nach unseren Machtverhältnissen ausrechnen: Kapital mal Prozente und Zeit dividiert durch hundert. [... In der Zukunft handelt es sich darum, daß man sich dessen bewußt ist, wenn man ein Unternehmen, einen Betrieb gründet - und dies muß ja immer wieder geschehen, da sonst der ganze Entwicklungsprozeß der Menschheit zum Stillstand kommen würde -, daß immer die vergangene Arbeit Verwendung findet in der künftigen Arbeit.]

 

Sehen Sie, wenn Sie einen neuen Betrieb aufbauen, dann müssen Sie neue Arbeiter anstellen, gleichgültig ob dies nun die Gesellschaft oder ein einzelner tut. Früher war es der einzelne, künftig wird es sich aus der Struktur der Gesellschaft heraus ergeben. Sie müssen also Arbeiter anstellen. Diese müssen sich, wenn man einen Betrieb aufbaut, der noch nichts in die Gesellschaft hineingeben kann, aber ernähren, müssen sich kleiden. Es muß dann also, damit dieser Betrieb entstehen kann, schon früher gearbeitet worden sein. Also, es muß die Möglichkeit geschaffen sein, daß frühere Arbeit für spätere Leistungen verwendet wird. Das ist aber nicht anders möglich, als daß, wenn meine frühere Arbeit in eine spätere Leistung einfließt, ich einen gewissen Nutzen davon habe. Denn in Wahrheit arbeite ich zum Beispiel, sagen wir, heute ganz ordentlich, und auf welchem Wege ist gleichgültig, aber von dem, was ich heute arbeite, wird in zehn Jahren irgendein neuer Betrieb gebaut. Das kommt dazu. Wenn ich heute arbeite, muß ich auch etwas für meine Arbeit haben. Es wird nur die Arbeit aufgespart für das nächste. Und das ist es, was ich rechtmäßigen Zins nenne, und ich habe es so genannt, weil ich eben in meinem Buch ehrlich sein will, weil ich keinen billigen Erfolg dadurch haben will, daß ich Weiß Schwarz nenne. Im Wirtschaftsleben muß vergangene Arbeit für künftige Leistungen verwendet werden. So wie Arbeiten in der Gegenwart eine Gegenleistung haben, so müssen sie auch in der Zukunft, wenn sie aufgespart werden, eine Gegenleistung hervorrufen. Das Wirtschaftsleben macht es notwendig, daß vergangene Arbeit in der Zukunft verwendet wird. Nehmen Sie dazu, daß das Kapital sich nach und nach aufzehrt. Während sich jetzt das Kapital in fünfzehn Jahren verdoppelt hat, wird es in Zukunft nach fünfzehn Jahren ungefähr aufhören zu existieren. Der umgekehrte Prozeß findet statt! Wie die anderen Dinge stinkend werden, so auch das Geld. So trägt das Kapital keine Zinsen, aber es muß die Möglichkeit geschaffen werden, daß das, was früher gearbeitet wurde, in einer künftigen Leistung enthalten ist. Dann müssen Sie auch den Lohn dafür haben. Ich hätte es [in meinem Buch] Lohn nennen können, aber ich wollte ganz ehrlich sein und wollte zum Ausdruck bringen: Wirtschaften besteht darin, daß vergangene Arbeit in künftige Leistungen hineingesteckt wird, und da nenne ich die dafür gerechte Vergütung den Zins. Deshalb habe ich aber auch ausdrücklich gesagt: Es gibt keinen Zins vom Zins. Den kann es nicht geben, ferner auch nicht ein beliebiges Arbeitenlassen des Kapitals. Das Geld wird stinkig. Es geht ebenso wie andere Dinge, wie Fleisch und dergleichen, verloren. Es ist nicht mehr da, es arbeitet nicht weiterhin. Wenn Sie die Dinge so nehmen, wie sie in meinem Buch stehen, so müssen Sie überall bedenken, daß ich von dem ausgehe, was möglich ist und was wirklich werden soll, und nicht von Forderungen, die so entstehen, daß man sich sagt: Wir schaffen dies und Jenes ab. Ja, meine werten Anwesenden, es könnte schließlich auch jemand auf die verrückte Idee kommen und sagen: Wir schaffen den Fußboden ab. - Dann würden wir nicht mehr gehen können! Man kann nicht Dinge abschaffen, die im wirklichen Wirtschaftsleben oder in anderen Bereichen einfach notwendig sind. Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, dann allein ist man ehrlich. Ich verspreche den Leuten nicht das Blaue vom Himmel herunter, sondern ich will von den wirklichen Lebensbedingungen des sozialen Organismus sprechen. Und so wollte ich hier sprechen von dem, was wirklich durchgeführt werden kann, und das wird schon dasjenige sein, was herbeiführt auch das, was unbewußt den Forderungen der breiten arbeitenden Masse zugrunde liegt. Und es ist besser, wenn man diese Forderungen aus der Kenntnis der Wirklichkeit heraus zu erfüllen trachtet, als wenn man die Menschen mit bloßen Versprechungen einlullt."

 

Rudolf Steiner GA 331, S. 182 ff