Das bedingungslose Grundeinkommen - ein von hinten aufgezäumtes Pferd

 

Hartmut Stickdorn

 

Das Einkommen des Menschen kann nach zwei Seiten hin betrachtet werden: 1. das Geld bekommen, 2. das Geld (aus)geben. Bedingungslos heißt, jemand bekommt einen Betrag, egal welcher Tätigkeit er nachgeht, egal, ob er überhaupt einer Tätigkeit nachgeht, und egal was er mit dem Betrag macht, wofür er es ausgiebt, ob er es überhaupt ausgibt. Eine Gegenleistung wird nicht erwartet, es ist ein leistungsloses Einkommen. Werden vom Empfänger Leistungen erbracht, was nicht in Abrede gestellt werden soll, so ist das bedingungslose Einkommen jedoch nicht auf diese Leistungen bezogen, denn es ist "bedingungslos", und jegliche Leistung ist freiwillig, hat also keine Beziehung zum Einkommen.

Schon bei der Ausgabenseite wird deutlich, was das bedeutet: Wenn mit dem Einkommen Produkte gekauft werden, Lebensmittel, Kleidung, Gebrauchsgegenstände usw. bewege ich mich in dem Sektor des Wirtschaftslebens.

Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben

lautet die Haltung aus der sozialen Dreigliederung. Das heißt: gegenseitige Wahrnehmung und Berücksichtigung der Bedürfnisse des Anderen. Der Produzent produziert für den Konsumenten, er erfragt, was die Bedürfnisse desselben sind. Der Produzent beachtet jedoch auch die Bedürfnisse seiner Zulieferer und Mitproduzenten (er beachtet auch den Naturschutz, um späteren Generationen nicht zu schaden). Für den Konsumenten bedeutet "Brüderlichkeit", die Bedürfnisse der Produzenten zu berücksichtigen. Unterm Strich:

Jeder arbeitet für seine Mitmenschen,
jeder konsumiert im Bewustsein der Lebenssituation der Produzenten und Händ und derer Bedürfnisse

Das bedingungslose Grundeinkommen ignoriert - beim Kaufvorgang - diese brüderliche Haltung: ich freue mich, dass meine Mitmenschen etwas nützliches für mich hergestellt haben - sie treffen meine Bedürfnisse, umgekehrt jedoch: ich brauche mich nicht für die Bedürfnisse der Mitmenschen zu interessieren, da ich nichts herstellen muß. Das bedingungslose Grundeinkommen stellt eine Art kommerziellen Autismus her. Das bedingungslose Grundeinkommen - wenn es denn wirklich bedingungslos ist - isoliert den Empfänger von seinen - für ihn produzierenden - Mitmenschen.


Das bedingungslose Grundeinkommen hat eine lange Geschichte

War es bis vor 100 Jahren weltweit die Aristokratie, so leben heute alle Menschen mit Einkommen aus Kapitalbesitz, wie z. B. Hausbesitz, Besitz von Grund und Boden, Besitz von Produktionsmitteln, Beteiligungen jeglicher Art usw. mit einem leistungslosen Einkommen. Tausende von Millionären und Milliardären lassen Menschen für sich arbeiten, ohne dafür irgendeine Gegenleistung für diese Menschen zu erbringen. Mit dem leistungslosen Einkommen wird eine neue Aristokratie geschaffen.


Unwarhaftigkeit in der Argumentation

Oftmals kommt die Äußerung: man müsse vom Guten im Menschen ausgehen. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen nicht faul sind, sondern in beruflicher Hinsicht durchaus aktiv werden. Dem ist nicht zu wiedersprechen, (Gesunde) Menschen suchen sich Tätigkeitsfelder und wollen fleißig sein. Allein davon auszugehen sollte dann ehrlicherweise auch benannt werden; damit ist das Einkommen dann nicht mehr bedingungslos, sondern im Prinzip steckt schon eine Erwartung dahinter.

Auch das Argument, "es ist doch alles im Überfluss vorhanden" kann nur als Absurd erscheinen, wenn man den Kopf einmal über die eigene Landesgrenze hinaus streckt. "Was fehlt, wenn alles da ist? - Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt" lautet das populäre Buch von Daniel Häni und Philip Krovce - vielleicht muss man in der Schweiz leben, um zu glauben, dass für alle Menschen "alles da ist". Was würde wohl ein Kind in Indien, welches die Steine für unsere Marktplätze anfertigt dazu sagen?

Warum "ein von hinten aufgezäumtes Pferd"?

Die Gefühle und Instinkte, die hinter dem Impuls zu einem bedingungslosen Grundeinkommen stehen, richten sich auf die Befreiung des Menschen aus der Bevormundung, der Ausbeutung, für viele Menschen aus der Versklavung - aus einer unwürdigen Arbeitssituation.Dies ist, aus meiner Sicht, die dringlichste Aufgabe der Zeit, und hier gilt es zu kämpfen und vieles zu verändern. Die Aufgabe von uns Europäern (man mag das Wort kaum noch in den Mund nehmen) wird sein, auf Privilegien und kommerzieller Verschwendung zu verzichten. Das Problem ist der Niedriglohn im Ausland und im eigenen Lande (Deutschland ist nach wie vor ein Billiglohn-Land), und der Privatbestizt von Grund und Boden und Kapital. Statt eines bedingungslosen Grundeikommen plädiere ich für eine andere Lohnpolitik und dafür, dass Rechte nicht mehr gehandelt werden können, nicht mehr wie Waren genommen werden. Grund und Boden und Produktionskapital gehören im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus unter die Vewaltung des Rechtslebens und des Geisteslebens - sie können kein Privateigentum sein!

 

Weitere Beiträge zum Bedingungslosen Grundeinkommen auf der Website des "Institut für soziale Dreigliederung"