Nachfolgend drei Ausführungen zu dem sogenannten "Testament Peters dem Grossen":

  • Die Schrift von Ludwig Polzer Hoditz "Der Kampf gegen den Geist und das Testament Peter des Grossen"; 1922
  • Ergänzungen (innerhalb eines Diskussionsabends) von Rudolf Steiner zu einem Referat von Ludwig Polzer-Hoditz zu dem Thema; 1920
  • Die Schrift von W.Lobscheid "Das Politische Testament Peters des Grossen" ; 1870 (Faksimile)

 

 

Ludwig Polzer-Hoditz

Der Kampf gegen den Geist und das Testament Peter des Grossen

 

1922
DER KOMMENDE TAG AG VERLAG
STUTTGART

 

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Inhalt

 

Vorwort

Der Übergang zur Neuzeit im fünfzehnten Jahrhundert und der Kampf gegen den Geist

Der Text des Testamentes Peters des Großen nach Sokolnicki

Die Wirkung des Testaments auf die geschichtlichen Ereignisse

Die europäische Politik im letzten Jahrhundert und das Testament Peters des Großen.
Sien Aufsätze, erschienen in der Wochenschrift "Dreigliederung des sozialen Organismus"

Seite

7

9

39

47


83

 

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Vorwort


Für den Fortschritt der gegenwärtigen Menschheit hängt viel davon ab, ob den Ereignissen, die sich unter ihren Augen abspielen, das richtige Verständnis entgegengebracht wird. Nur aus einem tieferen Verständnis heraus kann der Weg zu einer kulturellen Erneuerung kommen.

Anthroposophische Geisteswissenschaft will zu einem solchen Verständnis hinführen. Wer sich ohne Vorurteil auf sie einlassen will, wird in ihr überall Anknüpfungspunkte zu einem solchen Verständnis finden. Die Ausführungen dieses Buches wollen hierzu einen kleinen Beitrag liefern. Sie sind hervorgegangen aus dem Studium der Geisteswissenschaft Dr. Rudolf Steiners. Durch sie habe ich die Anregungen empfangen, die ich mit der vorliegenden Schrift der Öffentlichkeit zu übergeben wünsche.

 

Tannbach, Januar 1922.

Ludwig Polzer-Hoditz.

 

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Der Übergang zur Neuzeit im fünfzehnten Jahrhundert und der Kampf gegen den Geist.


In älteren Zeiten der Menschheit wußte man aus einer primitiven, elementaren, aber tiefen Anschauung heraus, das Geist in der Geschichte waltet. Sagen und Legenden geben auch Zeugnis davon.

Heute blickt man - ganz mit Unrecht - überlegen auf diese, wie man meint kindliche Auffassung der Menschen zurück, und will sich ganz alleine an die äußeren Tatsachen halten, die man sich aus Dokumenten, aus der Überlieferung zusammensucht, um sie dann in einen äußeren, rein logischen Zusammenhang zu bringen. Man glaubt, Sagen, Mützen und Legenden seien nur aus einer jugendlichen Volksphantasie entstanden. Der Materialismus ist auch in die Geschichte, in die Betrachtung der Menschheitsentwicklung, eingezogen.

Anthroposophie, welche den Menschen nicht nur als sinnlich-physisches, sondern auch als übersinnliches geistiges Wesen erforscht und erkennt, muß die geschichtliche Entwicklung der Menschhiet auch nach den inneren seelisch-geistigen Kräften, nach dem Verbundensein des Menschen mit höheren geistigen Wesenheiten, verfolgen. Erst durch eine solche Betrachtung, welche den ganzen im Geistigen und Physischen heimatsberechtigten Menschen berücksichtigt, kommt Sinn in die Geschichte. Die äußeren Tatsachen sprechen eine viel vollere, inhaltsreichere Sprache, wenn man sie aus geistigen Einblicken heraus verstehen lernt. Geschichtslüge und Geschichtsfälschung, welche heute die Entwicklungshindernisse bilden, werden sich nicht halten können. Eine geistige Geschichtsbetrachtung wird den Menschen einen Sinn des Lebens zeigen und ihnen auch immer mehr ermöglichen, bewußt die Notwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Man teilt vielfach in der Geschichtsbetrachtung die Geschichte in drei Hauptabschnitte und läßt den letzten, den man Neuzeit nennt, ungefähr im fünfzehnten Jahrhundert beginnen. Damitg trifft man denjenigen Zeitpunkt, von dem auch die Anthroposophie sagt, daß er nicht nur den äußeren Ereignissen nach, sondern auch in bezug auf das Seelsuch-Geistige des Menschen einen bedeutenden Wendepunkt innerhalb der Menschheitsentwicklung bedeutet. Die Bezeichnung Neuzeit ist ja , wie bekannt, eine sehr unbestimmte, da sie nur eine Augenblicksbezeichnung ist, nicht eine, die irgend etwas über die Entwicklung aussagt, und sie wird in der Zukunft revidiert werden müssen, weil sie eine richtige Verlegenheitsbezeichnung der materialistischen Zeit ist. Andererseits wird es heute schon genügend Menschen geben, welche einsehen, daß eine reine Dokumentengeschichte doch in Wirklichkeit nur sehr wenig über den Bewußtseinszustand der Menschheit aussagen kann, welcher vor der Begründung des Römischen Reiches lebte. Die Anthroposophie sieht in der Zeit des fünfzehnten Jahrhunderts einen gewaltigen Umschwung innerhalb der Menschheit sich vollziehen, weil das Bewußtsein ein klareres, für die Erfassung der äußeren Naturtatsachen geeigneteres wird. Die Menschen verlieren dafür immer mehr die Fähigkeit, instinktiv aus einer immigeren Verbindung mit der geistigen Welt, in Harmonie mit dieser zu handeln. Anthroposophie zeigt, daß von dieser Zeit an das materialistische Denken immer mehr bestimmend werden mußte. Die Naturwissenschaft beginnt ihren Siegeslauf. Diese nur die Naturseite der Welt betrachtende Anschauung kann sehr gut den Zeitpunkt erkennen, in welchem sie selbst maßgebend zu werden beginnt, kann aber alles nur aus den durch diesen Umschwung bewirkten Fähigkeiten heraus betrachten.Die Menschhiet hat heute zu dem Geist, der in der Geschichte waltet, keinen Zugang. Nur in wenigen Kreisen wird er noch traditionell bewahrt und verwendet, lebt aber dort nicht mehr schöpferisch gestaltend. Die vor diesem wichtigen Zeitabschnitt liegenden Entwicklungsperioden können mit der materialistischen Anschauung nicht gefunden werden, sie entziehen sich notwendigerweise derselben. Die Einteilung in Mittelalter und Altertum ist deshalb, wie ja auch allgemein zugegeben wird, nur eine rein zeitlich äußere. In einigen Jahrtausenden würden so bei gleichbleibender Erkenntnisgesinnung auch unsere Zeiten in die nichtssagende Bezeichung Altertum verschwinden.

Für die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise endet im fünfzehnten Jahrhundert eine Entwicklungsperiode, welche ungefähr mit der Gründung des Römischen Reiches im achten vorchristlichen Jahrhundert beginnt und wlche man die griechisch-rämische Kulturperiode nennen kann. - Vor dieser Zeit hatte besonders der alte Orient für die Geschichte Bedeutung, und der Mensch zeigt sich mit seiner Seele noch ganz verbunden mit der Außenwelt, er war mit allen seinen inneren Kräften noch ein Stück Natur und löste dann ungefähr vom achten vorchristlichen Jahrhundert an seine Verstandeskräfte vorerst instinktiv zur Selbständigkeit heraus. Es ist das Verdienst von Rudolf Steiner, in seinem Buch "Die Rätsel der Philosophie" diese Bewußtseinsänderungen etwa im achten vorchristlichen und etwa im fünzehnten nachchristlichen Jahrhundert an der philosophischen Entwicklung nachgewiesen zu haben.

Seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts nun nimmt für den Menschen alles immer mehr einen bewußten Charakter an, und die erste Folge davon ist, daß er sich immer mehr vereinsamt fühlt gegenüber dem inneren Wesen der Natur und der Welt. Dieses Bewußtwerden in der neueren Zeit bringt die großen Erfolge auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, die besonders in der Technik ihre Verwendung finden. Um dieses neue Zeitalter vorzubereiten, müssen andere Völker herankommen an Stelle derjenigen, welche früher die Hauptkulturträger waren. Vom Norden und Osten kommen diese Völker und bereiten andere Räume für die Kultur vor. Während in der vorhergehenden Periode nur das südliche Europa den Kulturboden abgab, wird jetzt auch das nürdliche Europa herangezogen und tritt in die verschiedensten Beziehungen zu den alten Kulturstätten. Auf diesem Wege vom Osten und Norden nach der Mitte und dem Westen Europas hin, begegnen sich diese Völker mit dem Christentum, das vom Süden über Griechenland und Rom zu diesen Völkern gelangt. Diese Völker waren es, welche besonders den christlichen Impuls mit elementarer Lebendigkeit erfaßten und ihm zum Siegeszuge verhalfen.

Nur durch eine wirkliche Geisteswissenschaft wird die volle Bedeutung, welche das Christentum für die ganze Menschheitsentwicklung und Geschichte hat, verständlich werden können, weil ja dieser christliche Impuls ein geistiger ist. Die Tat auf Golgatha stellt eine Befruchtung der Erdenmenschheit mit einem übersinnlichen Elemente dar, sie ermöglicht derselben von da ab immer bewußter und bewußter zu werden.

Das ganze Zeitalter vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert kann man nur verstehen, wenn man es vom Gesichtspunkt der Seelenentwicklung und des Hereinwirkens des Christusimpulses betrachtet. Man kann das Christusereignis nie verstehen, wenn man es nur mit gewöhnlicher Geschichtsforschung erfassen will. Denn gerade die materiellen Tatsachen, auf denen er beruht, sind nur übersinnlich erforschbar. (Vgl. "Das Christentum als mystische Tatsache" von Rudolf Steiner.)

Im fünfzehnten Jahrhundert beginnt dann die Zeigt des klar ausgebildeten Ich-Bewußtseins, sie erstreckt sich aber anfänglich nur auf die äußeren Tatsachen der Natur, trägt aber durch die Christustat, welche den Zusammenhang des Geistig-Seelsichen mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen umgestaltet, die Möglichkeit in sich, dieses Ich-Bewußtsein hineinzutragen in heute noch in tiefer Unbewußtheit liegende Gebiete des Menschen und der Welt. Die Naturwissenschaft ist nur die erste Phase der Wirkung des Christusereignisses. Sie muss durch Geisteswissenschaft ergänzt werden, wenn die Menschheit zu höheren Bewußtseinszuständen, zu den weiteren Wirkungen der Christustat vorschreiten soll. Denn Naturwissenschaft kann Natur nur als Phänomen erforschen. Wesenhaftes erschließt sich nur einer wirklichen Geisteswissenschaft. Diese ist daher Fortsetzerin der Naturwissenschaft und damit das Mittel zur weiteren Entwicklung der menschlichen Seelenfähigkeiten. Letztere dürffen nicht in den äußeren Tatsachen der Naturwissenschaft stecken bleiben und vor Grezen der Erkenntnis haltmachen.

Dasjenige, was seit dem fünfzehnten Jahrhundert in der Menschheit in Naturwissenschaft und technischen Errungenschaften heraufkam, verlangt, damit es zum Heil und nicht zum Unheil der Menschheit werde, die Entwicklung neuer Seelenfähigkeiten, welche den Menschen in den Stand setzten, Herr dieser naturwissenschaftlichen technischen Errungenschaften zu bleiben und nicht diese über sich Herr werden zu lassen.

Gerade die naturwissenschaftliche Epoche braucht eine Verstärkung der Seelenkräfte, damit die Menschheit, die sich loslöste von dem Verbundensein mit der ganzen Welt, nicht vor den Grenzen der Natur, vor den äußeren Tatsachen der Geschichte mit ihrem "Ignorabismus" stehen bleiben muß. Der Agnostizismus ist erst ein Produkt der neueren Zeit, muß aber, wenn die Menschheit aus dem heutigen Chaos heraus, zu einer neuen Kultur kommen will, überwunden werden. Nur ein bewußtes Eindringen in die Geistwelt durch verstärkte Seelenfähigkeiten kann diese Überwindung vollziehen. In der Zeit vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert klang vollständig ab das alte instinktive Verbundensein des Menschen mit der geistigen Welt. Sie ist so richtig die Übergangszeit von einer alten Menschheit zu einer neuen.

In dieser Übergangsperiode, in welcher sich die Herauslösung der Menschheit aus dem früher gegebenen unselbständigen Verbundensein mit der geistigen Welt vollzog, fällt die Tat auf Golgatha, welche die Anthroposophie in den Mittelpunkt der Weltgeschichte stellt. Diese Tat schuf einer freien Ich-bewußten Menschheit die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft bewußt wieder mit dieser geistigen Welt zu verbinden und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Damit wurden Mensch und Erde verwandelt. Die Bedeutung der Christustat war also eine solche, daß in der Folgezeit aus dem Menschen heraus durch den mit diesem verbundenen Christus eine neue Zeit für die ganze Erde eintrat. Die geistige Welt, welche der Mensch früherer Zeiten in den äußeren Naturerscheinungen wahrnahm, das geistige Licht, welches ihm gleichsam das Geistige hinter den Naturerscheinungen beleuchtete, verband sich unmittelbar mit der Erde und jedem Menschen, der es in sich suchen will. Dieses Licht, das vorher außen war, quoll gleichsam als Anlage in keder Seele auf und trägt die größten Möglichkeiten in sich. Alle Mysterien, bevor sie in die spätere Dekadenz fielen, wußten davon, und seit dem Beginn unserer Zeitrechnung flammte eine Ahnung davon immer wieder in den verschiedensten Formen in einzelnen Menschen als Wahrzeichen für die Zukunft auf.

Nur dann, wenn man die äußeren historischen Ereignisse und die Personen, welche sie tragen, in dieses Licht stellt, kann man verstehen, was sie bedeuten.

Eine Menschheit, welche, wie in alten Zeiten, instinktiv mit dem Geiste der Natur verbunden lebte, bedurfte ganz anderer Einrichtungen für ein soziales Zusammenlaben, als es heute der Fall ist. Die aus einer göttlich-geistigen Weisheit stammenden Einrichtungen verloren ihren Sinn mit der allmählichen Herauslösung der Menschheit zur Selbständigkeit, neue Einrichrtungen wurden notwendig, und es zeigte sich immer deutlicher, daß diese neuen Einrichtungen nur aus einem bewußt wieder erfaßsten Geiste von den Menschen geschaffen werden können. Auch in dieser Hinsicht ist die Zeit etwa vom achten chrschristlichen bis etwas zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert eine Übergangaszeit. Vor dem achten vorchristlichen Jahrhundert hatte man soziale Einrichtungen, basierend auf geistigen Einblicken, nach dem fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert trat die Notwendigkeit ein, Einrichtungen zu schaffen, die aus bewußstem Wiedererfassen des Geistes geholt werden müssen. In alten Zeiten wurden gewisse Weisheiten in Mysterien gehütet und durch sie die Menschheit geführt. Das mußte damals so sein. In der Zukunft muß der Geist immer offenbarer werden. In der Mitte zwischen dieser Vergangenheit und Zukunft steht eine Zeit, in welcher der Geist der Menschheit zeitweise verloren gehen mußte.

Das römische Volk mit allen seinen Merkmalen ist ein besonders charakterisitscher Repräsentant derjenigen Kulturperiode, die mit dem achten vorchristlichen Jahrhundert beginnt und mit dem fünfzehnten nachchrislichen Jahrhundert endet. Es ist also eine Art Übergangsmenschheit, und in dieser Zeit wird gerade durch die Tat auf Golgatha das größte Geheimnis der Erdenzeit auf den historischen Schauplatz herausgestellt. Der Christusgeist verband sich mit der Erde in einer Zeit, in der man ihn am allerwenigsten verstehen konnte, deshalbbegann auch in dieser Zeit der Kampf gegen den Geist.

Der römische Staat schuf ein soziales Zusammenleben der Menschen, welches den geistigen Menschen ausschaltet. Das römische abstrakte Staatsleben konnte nur bestehen, wenn es sich um den geistigen Menschen, oder wie ihn Paulus nannte, den "pneumatischen Menschen", nicht kümmerte. Der römische Staat wollte und durfte nichts vom Geiste in sich haben.

In dem Buche "Das Christentum als mystische Tatsache" zeigt Rudolf Steiner, wie die alten Mysterien des Morgenlandes, die vom kommenden Christus sprechen und die vom Geiste noch etwas wußten, den historischen Hintergrund für das Christentum bilden, wie diese alten Geheimlehrern in Palästina das Mysterium von Golgatha vorbereiteten und wie dieses nur ihre Erfüllung ist. Die Tat des Christus Jesus stellt den Inhalt dieser Geheimlehre auf den historischen Schauplatz hinaus.

Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als denjenigen des Römertums und der alsten Mysterienanschauung. Man erkannte auch die Gefahr, in welche das Römertum kommen müßte, wenn der Geist der alten Mysterien Geltung bekäme durch den Christus in den sozialen Einrichtungen der Menschen. Die Römer ahnen, daß von dem Christentum etwas ausgeht, was das Römertum zertrümmern müßte, wenn es Geltung bekäme.

Daher

S. 16

 

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Fortsetzung folgt (1.1.2018)

"Das Politische Testament Peters des Grossen" von W. Lobscheid

Anmerkungen von Rudolf Steiner zu einem Referat von Ludwig Polzer-Hoditz am 23. August 19230 im Anschluss:

 

Meine verehrten Anwesenden! Es wäre natürlich außerordentlich viel zu sagen in Anknüpfung an die ja sehr an regenden Ausführungen des Grafen Polzer und an verschiedene Fragen, die das oder jenes angeregt haben in der Diskussion. Der vorgerückten Zeit halber wird man sich aber wohl auf einiges beschränken müssen.
Ich möchte zunächst darauf aufmerksam machen, daß ja offen­bar Graf Polzer mehr die Bedeutung jenes Impulses, der im Testa­ment Peters des Großen für die europäische Politik lag, hervor-heben wollte als etwa Einzelheiten, die sich auf die Wirksamkeit dieses Testamentes Peters des Großen beziehen. Und gerade mit Bezug darauf möchte ich sagen: Solche Dinge wie dieses Testament Peters des Großen lassen sich eigentlich nur beurteilen aus dem ganzen Zusammenhang der Ereignisse heraus, in denen sie irgend­wie zum Vorschein gekommen sind. Es ist nun einmal so, daß gerade in den Jahren, auf die Graf Polzer hingewiesen hat, in den siebziger Jahren, in den Jahren, die folgten auf den Preußisch-Österreichischen Krieg vom Jahre 1866, und dann in den Jahren der Regierung des Grafen Taaffe in Österreich, daß da gerade vieles sich in Österreich abspielte, was in der Richtung lag, in der das Testament Peters des Großen wirkte. Man könnte verschiedenes herausheben aus der reichen Fülle dieser Ereignisse, eines würde ungefähr ebensogut wie das andere vielleicht illustrieren können, was man sagen will. Ich will nur einiges hervorheben, Ereignisse, die scheinbar zunächst mit dem Testament Peters des Großen nichts zu tun haben, in denen aber doch dieses Testament durchaus wirksam ist.
Nehmen wir einmal das Ende der Zeit, auf die Graf Polzer be­sonders hingewiesen hat, die Zeit, in der Österreich vom Berliner Vertrag das Mandat erhalten hatte, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren. Über die Okkupation Bosniens und der Herzego­wina entwickelte sich ja innerhalb der österreichischen Politik ein sehr bedeutsamer Streit. Es gab, wie schon Graf Polzer hervor­gehoben hat, heftige Gegner dieser Verlegung des Schwerpunktes, der Osterreich nach dem Osten hinüberschob, und es gab in Öster­reich Anhänger dieser Okkupation, dieser Verlegung des Schwer­punktes nach dem Osten hinüber. Anhänger waren eigentlich im wesentlichen diejenigen, die in irgendeiner Weise ganz besondere Gründe hatte, sich zu Dienern der habsburgischen Hauspolitik zu machen. Man muß eben nur bedenken, daß diese habsburgische Hauspolitik damals schon auf einen solchen Punkt der Dekadenz heruntergesunken war, daß sie im Griinde schon dazumal eine blo­ße Prestigepolitik war. Dasjenige, was seit einem Jahrhundert sich vorbereitet hatte, das hatte sich ja mit dem Preußisch-Österreichi­schen Krieg erfüllt, und die Habsburger brauchten eine Art Aus­gleich dafür. Sie nahmen daher Zuflucht zu dem, was nun Öster­reich hingeworfen wurde. Nun kann man aber in vollem Bedacht alles dasjenige in Betracht ziehen, was im Grunde genommen lag in jenem Punkte des Testamentes Peters des Großen, der darauf hin­weist, wie man immer mehr Zwist und Zank nach Österreich brin­gen soll, indem man scheinbar ihm etwas zuschanzt, indem man ihm etwas gibt. Es war ja ein richtiger Zankapfel, diese Okkupation von Bosnien und der Herzegowina, und gerettet wurde sie im Grunde genommen nur dadurch, daß sich von der damals immer­hin noch in Betracht kommenden sogenannten deutschen Linken im österreichischen Reichsrat die sogenannte bosnische Linke abspaltete.
Sehen Sie, der Führer der deutschen linken Partei im österreichi­schen Reichsrat war der Abgeordnete Herbst. Die Herbstsche Politik entwickelte sich heraus aus der Politik nach 1866; sie war eine Politik, welche zusammengeschweißt war aus einem gewissen Bestreben, Österreich doch eine Art deutschen Charakters zu las­sen, aber zu gleicher Zeit ihm eine Art abstrakt-liberalistischen Charakters zu geben. Diese Politik sträubte sich gegen die Okku­pation von Bosnien, insbesondere in der Person des Abgeordneten Herbst, weil sich die Herbst-Leute sagten: Wenn Österreich noch mehr Slawen bekommt - es war ja eine Zugabe von Slawen, die man da bekam mit Bosnien und der Herzegowina, mit Ausnahme des türkischen Elementes, das da auch zu finden war -, wenn Österreich noch mehr Slawen bekommt, so wird es umso weniger möglich sein, daß in der Zukunft in Österreich irgendwie das deut­sche Element zum besonderen Vorrang gebracht werden könnte. Nun, dieser Herbst hat ja eine epigrammatische Abfertigung gefun­den durch Bismarck. Bismarck war alles daran gelegen, daß Öster­reich in eine Art von Verwirrung hineingebracht werde, daß Öster­reich seinen Schwerpunkt nach dem Osten verlege, damit auch niemals mehr irgendwelche Aspirationen von seiten der Habsbur­ger Hausmacht aufkommen könnten gegen die Bestrebungen der Hohenzollern. Denn ein Großteil der mitteleuropäischen Politik im 19. Jahrhundert, namentlich im mittleren 19. Jahrhundert und in der zweiten Hälfte, war ja eigentlich ein Streit zwischen den beiden Hausmächten, der habsburgischen und der hohenzollernschen Hausmacht. Bismarck, der die Hohenzollern-Hausmacht groß ha­ben wollte, wollte Österreich abschieben nach dem Siawentum hin, nach dem Osten, und da kam es ihm sehr wenig zurecht, daß diese Herbst-Leute in Österreich ihm entgegenarbeiteten. Bismarck hat denn auch, wie es seine Art war, ein witziges Epigramm geprägt, das eines von den Epigrammen des politischen Lebens war, die denjenigen töteten, den sie trafen. Er hat ja die Herbst-Leute die «Herbstzeitlosen» genannt, indem er hinstellte, daß einfach die Zeit es fordere, daß Österreichs Schwerpunkt außerhalb Österreichs nach dem Osten verlegt werde, und derjenige, der sich dieser Zeit-forderung nicht anzupassen wisse, sei eben eine «Herbstzeitlose», weil der Führer dieser österreichischen deutschliberalen Partei eben der Herbst war. Nun, gerettet wurde diese ganze Sache dadurch, daß dazumal der jüngere Plener, während er vorher gerade voll drinnenstand innerhalb der Partei der Herbst-Leute, sich mit einem gewissen Anhang herausschälte, wodurch eine Majorität gebildet werden konnte im österreichischen Reichsrate für die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina; Plener bildete dazumal die bosnische Linke.
Ernst von Plener ist nun gerade eine charakteristische Persön­lichkeit für dasjenige, was Graf Polzer heute ausführen wollte. Plener war in österreichischen Parlament ein Redner so ganz nach Art der liberalistischen Durchschnittsredner, ein Mann, der im osterreichischen Reichsrat so sprach, daß er das, was er vorbrachte, durchaus richtiger in England vorgebracht hätte. Plener war ja auch lange Jahre Gesandtschafts-Attaché bei der österreichischen Bot­schaft in London gewesen und hatte sich sehr eingelebt in das, was man englischen Parlamentarismus nennt. Dieser englische Parla­mentarismus, der aus dem englischen Element sehr gut herausge­wachsen ist und dort gut paßt, der wurde nun eigentlich mehr oder weniger glücklich auf ganz Europa übertragen, und er ist einer von denjenigen Faktoren, welche beweisen, wie sehr die westlichen Impulse über Europa nach und nach Einfluß gewannen. Ich möch­te sagen: Wenn Plener im Wiener Parlamente sprach, so sprach eigentlich der durch und durch nach englisch-politischer Schablone geschulte Politiker. Das hatte natürlich für Österreich, worauf es gar nicht paßte, etwas außerordentlich Abstraktes. Man muß nur bedenken, was in diesem Osterreich da zusammengewürfelt war von verschiedensten Nationalitäten, aber zusammengehalten wurde durch den Klerikalismus der habsburgischen Hausmacht. Dahinein stellte sich die englische Meinungsschablone mit dem Pendelsystem von Links und Rechts eigentlich wie ein ganz abstraktes Element. Und solch einem Abstraktling wie Plener kam es eigentlich niemals darauf an, aus den konkreten wirksamen Kräften heraus zu denken, sondern er konnte immer auch anders. Und Herbst, der starrsinnig, stierhaft in gewisser Beziehung war, er blieb auf seinem deutsch-liberalen Standpunkt stehen. Dagegen Plener, der eine Art Welt-mann war - ich sehe ihn heute noch vor mir: er kam niemals anders ins Parlament als in hellen Beinkleidern, die immer unten etwas aufgestülpt waren, und mit einer Art Bart, der so die Mitte hielt zwischen Stutzertum und Diplomatenbart -, Plener konnte eben immer auch anders. Er bildete die bosnische Linke, um dem Kaiser Franz Joseph respektive der habsburgischen Hausmacht einen Dienst zu erweisen, der später honoriert werden könnte. Ich muß sagen, es schien mir immer ein gewisser Zusammenhang zu sein zwischen zwei Ereignissen, zwischen der Bildung der bosnischen Linken im österreichischen Parlament durch Ernst von Plener ge­legentlich der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina und einem späteren Ereignis, das scheinbar unbedeutend ist, das aber als symptomatisch berücksichtigt werden muß. Plener ist dann, als an Stelle des Ministeriums Taaffe das Koalitionsministerium Win­dischgrätz trat, für kurze Zeit Finanzminister geworden; das hat er immer erstrebt. Aber die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Dann geschah etwas, was eigentlich ja immer darauf hinweist, daß da unterirdische Kräfte spielen. Plener wurde Präsident des Obersten Rechnungshofes und zog sich dann, als er das geworden war, merkwürdigerweise von der Politik zurück, trotzdem er immer eine hervorragende Rolle in seiner Partei gespielt hatte. Und als er dann einmal interviewt wurde, warum er sich denn zurückgezo­gen habe, da antwortete er: «Das ist etwas, was nur mich und meinen Kaiser angeht, das ist ein Geheimnis, über das ich nicht sprechen will.»
Ich habe immer einen gewissen Zusammenhang erkennen müs­sen zwischen den Ereignissen, die sich abgespielt haben bei der Bildung der bosnischen Linken in den siebziger Jahren, und diesem Ereignis, das erst in den neunziger Jahren stattgefunden hat. Sehen wir uns einmal an, was nun geworden ist nach dieser bosnischen Okkupation. Es kam eben in Österreich das zweite Ministerium des Grafen Taaffe zustande, nachdem die letzten Phasen sich abge­spielt hatten jenes Konzessions-Regierungssystems, das zustande­gekommen war, eben weil man probierte nach dem Preußisch-Österreichischen Kriege, ob man mit dem deutschen Elemente in Österreich zurechtkomme oder nicht. Das ist mit dem sogenannten Bürgerministerium von 1867 bis 1870 versucht worden, zunächst mit dem Fürsten Carlos Auersperg, dann kam die Episode unter Potocki und Hohenwart, wo das slawische Element sich geltend machte. Dann kam aber 1871 bis zum Ende der siebziger Jahre das Ministerium unter Adolf Fürst Auersperg, wiederum eine Art Bürgerministerium, das eben, wie gesagt, die letzte Phase bildete desjenigen, was man da versuchte. Dann kam dieses Ministerium des Grafen Taaffe. Dieses Ministerium Taaffe sehen wir uns einmal an. Es besorgte ja die Regierungsgeschäfte in Österreich durch mehr als ein Jahrzehnt kann man sagen, in den achtziger Jahren, und da spielte sich, ich möchte sagen im Tableau alles dasjenige ab, was ein Kompendium europäischer Politik ist. Taaffe ist Minister­präsident; er hält sich an der Spitze des Ministeriums, trotzdem er wohl ein ganz unfähiger Kopf ist. Er hält sich hauptsächlich dadurch im Ministerium, daß er besonders gut versteht, abends bei den Unterhaltungen bei Hofe mit dem Taschentuch und den Fin­gern Häschen an die Wand zu projizieren. Das gefiel den Damen bei Hofe so außerordentlich gut, wenn der Graf Taaffe Häschen machte und andere ähnliche Künste, und dadurch hielt er sich so­lange in der österreichischen Regierung. Nun kann man sagen, in diesen achtziger Jahren, da war also das Deutschtum zurück­gedrängt in Österreich. Die Länder diesseits der Leitha - ja, einen Namen hatte dieses Gebiet eigentlich nicht, man nannte dieses Gebiet, was diesseits der Leitha war, «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», und die Länder drüben, jenseits der Leitha, die hatten wenigstens einen zusammenfassenden Namen, man nannte sie «die Länder der Heiligen Stephanskrone» -, die Länder diesseits der Leitha, also «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», die wurden regiert damals von dem Ministerium, an dessen Spitze Taaffe stand. Gewisse Witzblätter schrieben Taaffe sehr merkwürdig: Taaffe (es wird an die Tafel geschrieben).
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Nun, es war auch schwer, einen gemeinsamen Namen zu finden für diese Länder, denn was umfaßte dieses Gebiet «der im Reichs­rat vertretenen Königreiche und Länder»? Da war zunächst die Bukowina, dann kam anstoßend daran das Königreich Galizien mit Ruthenien mit Lemberg als Hauptstadt; da würde etwa Krakau sein (es wird an die Tafel gezeichnet). Dieses Galizien war haupt­sächlich vom polnischen Element bewohnt (schraffiert, links), hier aber bewohnt vom ruthenischen Element (schraffiert, rechts) - die Ruthenen eine Art Slawen, die Polen eine Art Slawen. Weiter war dann hier das schlesische Gebiet, das mährischen und das böhmi­sche Gebiet - überall Slawen und Deutsche zusammengewürfelt. Dann kommt Nieder- und Oberösterreich, Salzburg, Vorarlberg, Tirol, Steiermark bis herunter zu Brunn - zum größten Teil deutsch; dann südslawisch, slowenisch bei Kärnten und Krain; hier unten Istrien und Dalmatien. Hier herüber, jenseits der Leitha, waren die Länder der Heiligen Stephanskrone: hier Ungarn mit Siebenbürgen, dann Kroatien mit Slawonien. Hier würden wir irgendwo die Leitha zu suchen haben; alles das, was hier herüber war, all diese zusammengewürfelten Völkerschaften, die bildeten die im «Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder».
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Nun, wie war die Vertretung der «im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder» in Wien? Sie war im Grunde genommen denkwürdig genug. Sehen Sie, wenn man sich die Ministerbank anschaute: In der Mitte saß der mit der zurückfliehenden Stirn behaftete Häschenfabrikant Taaffe, an seiner Seite rechts Duna­jewski, der Finanzminister, ein Urpole, dann war da eine markan­te Persönlichkeit, Minister Prazäk, ein Tscheche, ferner Smolka, ein Urpole, einer derjenigen Polen, welche einmal in effigie geköpft worden sind in Österreich, weil sie Staatsverräter waren, der sich aber dann [politisch wieder] aufgeschwungen hatte. Man kann sagen: Wenn da von diesen Persönlichkeiten gesprochen wurde, so war es ja in einem gewissen Sinn außerordentlich interessant.
Auf der ersten Abgeordnetenbank der Linken - sagen wir zum Beispiel, es wäre eine Budgetdebatte gewesen - saß ein guter Deut­scher, Carneri; Sie kennen die Gestalt von Carneri aus meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Er fing die Debatte an in mitteleu­ropäischem Sinne; er schleuderte in der Regel diesem Ministerium Taaffe die furchtbarsten Anklagen entgegen. Eine seiner wirk­samsten Reden schloß mit den Worten - es war vielleicht im Jahre 1883 -: Armes Osterreich! - Dann etwas weiter von ihm saßen Herbst, Plener und so weiter. Aber alles, was da redete in Öster­reich, redete eigentlich so, wie Leute einer untergegangenen Strö­mung reden. Was zum Beispiel Carneri redete, war schön, geistvoll, groß, aber es war nicht etwas, was leben konnte. Aber: etwas an­deres lebte dazumal in Österreich; es lebte wirklich etwas in Öster­reich, wenn zum Beispiel der polnische Abgeordnete Otto Hausner sprach. Es kam in Österreich nicht so darauf an, ob ein Abgeord­neter einen deutschen Namen hatte; denn wenn man zum Beispiel Grégr hieß und jungtschechisch-liberaler Abgeordneter war, also so einen Namen mit einem Haken hatte, so hat man, bevor man Tscheche geworden war, Gröger geheißen; es gibt solche Metamor­phosen. Wenn Otto Hausner sprach, dann betonte er zu gleicher Zeit, daß er doch durchaus aus dem polnischen Element heraus spräche, und das tat er auch, obwohl er betonte, er hätte rätischalemannische Blutkügelchen in seinen Adern - ich weiß zwar nicht, was das sind, rätisch-alemannische Blutkügelchen. Er ist mir keine sympathische Person gewesen. Ich erinnere mich noch lebhaft: Wenn man durch die Wiener Herrengasse ging und der alte Haus­ner daherkam, dieser alte Geck mit seinem Monokel, der sich noch putzte, trotzdem er eigentlich ein gar nicht niedlich aussehender alter Mann war; er ist nicht gerade eine eigentlich sympathische Persönlichkeit gewesen. Man muß sagen: Wenn in diesen Jahren, auf die es gerade ankam, Hausner sprach, dann sprach er so, daß die Weltgeschichte durch ihn rollte. Und ich möchte sagen, wenn der Otto Hausner sprach, dann hörte man rollen die Worte des Testamentes Peters des Großen. Man hörte sie rollen dann, wenn er davon sprach, daß sich die Menschen in Österreich nicht dürften düpieren lassen durch Berlin, durch Bismarck, daß sie nicht dürften den Berliner Vertrag annehmen. Es sprach die Zeit, die rollende Zeit, wenn Otto Hausner über die Arlbergbahn sprach, als strate­gische Bahn sie auffaßte, um ein Bündnis zwischen Österreich und Frankreich möglich zu machen gegen die deutsche Politik. Und man möchte sagen, in den Reden von Otto Hausner von dazumal war etwas, was wie prophetisch all das voraussagte, was später geworden ist. Insbesondere aber war wirksam eine Rede, die Haus­ner gehalten hat über «Deutschtum und Deutsches Reich», worin­nen er rhetorisch in einer ganz wunderbaren Charakteristik alle Schattenseiten, vorzüglich die Schattenseiten des Deutschtums und des deutschen Wesens gegeben hat, niemals die Lichtseiten. All das, was in Mitteleuropa eigentlich auf den Untergang hinwirkte, das hat gerade dieser polnische Abgeordnete Otto Hausner dazumal in seine Rede in einer wunderbaren Weise hineinzugeheimnissen ge­wußt. Außer ihm sprach dann öfter eine merkwürdige Gestalt, Dzieduszycki hieß er. Es war außerordentlich merkwürdig, denn wenn er sprach, hatte man das Gefühl, daß er nicht nur einen Kloß, sondern zwei Klöße im Munde habe, die einander nachlaufen und wieder zurücklaufen. Aber dennoch, wenn er sprach, rollte Welt­geschichte durch das, was er sprach. Es war Weltgeschichte, die da sprach - und so noch bei manchem anderen, der da saß. Und wiederum, wenn diese Leute nur aus ihrer Persönlichkeit heraus sprachen, dann war das gar nicht Weltgeschichte.
In der Zeit, als in Österreich das von den Liberalen schon rui­nierte Schulgesetz vollends ruiniert werden sollte - wie kam da die Mehrheit zustande? Ich will Ihnen ein großes Geheimnis verraten:
Trotz der österreichischen Politik hat Österreich tatsächlich die besten Gymnasien gehabt hat bis in die siebziger Jahre hinein; und es ist dem späteren Unterrichtsminister Gautsch nur sehr schwer gelungen, diese von einem gewissen Gesichtspunkt guten Gymna­sien durchaus kaputtzumachen. Und wissen Sie, wer schuld daran war, daß diese guten Gymnasien in Österreich - gut für die dama­lige Zeit - begründet worden waren? Es war der Urklerikale Leo Graf Thun, der diese Gymnasien in Österreich eingeführt hat. Es war eben in Österreich so, daß merkwürdigerweise zuweilen Sach­liches zusammenwirkte mit ganz stierhafter Politik. Dieser nach vieler Richtung hin ganz schwarze Klerikale, Leo Graf Thun, er hat ein glänzendes Schulsystem in Österreich zum Durchbruch ge­bracht, das aber dann durch die Liberalen wiederum zum Abbruch gebracht worden ist, und was die Liberalen übrig gelassen haben, das sollte dann später noch mehr ruiniert werden. Wie bildete sich nun die Majorität im Reichsrat bei diesen Dingen heraus? Ja, diese Majoritäten kamen auf merkwürdige Weise zustande. Da waren die Ruthenen, und da waren die Polen. Wenn man nun gewisse Dinge durchsetzen wollte, die sich leichter mit den Polen durchsetzen ließen, dann bildete man ein Ministerium, das aus Deutschen und Polen bestand. Und wenn man etwas von anderer Art durchsetzen wollte, dann schaltete man die Polen aus und bildete eine Majorität aus Deutschen und Ruthenen. Die Ruthenen und die Polen, die sich dann furchtbar bekämpften, gebrauchte man als Zünglein an der Waage. Und je nachdem, was in die Waagschale zum Schlusse geworfen wurde, kam das Entgegengesetzte heraus. Nun, dazumal, als das Schulgesetz ganz kaputtgemacht werden sollte, da waren gerade die Polen das Zünglein an der Waage; es sollte also etwas ausgehandelt werden zwischen den Klerikalen und den Polen. Wenn die Klerikalen mit den Polen zusammengingen, so sagte man sich, dann könne das Schulgesetz kaputtgemacht werden. Aber die Polen waren immerhin so intelligent einzuwenden, daß man das doch nicht Galizien antun könne, ihrem Land ein solches [neues] Schulgesetz hinzustellen. Und da haben sie dann zu einem Ausweg gegriffen und gesagt: Ja, wir gehen mit euch zusammen, wir besei­tigen das [alte] Schulgesetz, nur Galizien wird ausgenommen. - Es trat damit das Merkwürdige zutage, daß ein slawisches Element zur Tarnung diente, aber dieses slawische Element nahm sich selbst aus für das, wovon es ganz deutlich zugab, daß es sein eigenes Land davon ausnehmen wolle. So waren eben damals die besonderen Verhältnisse in Österreich.
Da saß auch noch die charakteristische Gestalt des Alttschechen Rieger. Während die Deutschen liberalistisch, formalistisch, ab­strakt regierten, kamen die Tschechen nicht ins Wiener Parlament; sie absentierten sich. Graf Taaffe hatte nun das äußerlich große Verdienst sich erworben, daß der tschechische Club wieder hinein-kam. So war also jetzt Rieger auch unter diesen Wiener Parlamen­taristen: Eine außerordentlich charakteristische Figur voll inneren Feuers, eine etwas schlotterige, kleine Gestalt, aber mit einem mächtigen Kopf, mit Augen, aus denen man glaubte, daß am Ende nicht bloß ein Teufel, sondern mehrere Teufel herauskämen, die Feuer sprühten. Es war tatsächlich etwas außerordentlich Lebendiges in ihm.
Sehen Sie, das war so die Situation. Man könnte sagen, man wußte, es gibt da ein Element, das man nicht greifen konnte, aber es war zu schauen: Es wirkte durch diese eigentümliche Konfigu­ration in Österreich wirklich dieses Testament Peters des Großen durch. Wenn man diese konkreten Verhältnisse vor sich hatte, da wußte man, daß es so etwas gibt. Tatsächlich, man wußte genau, warum sich zum Beispiel die Politik des Grafen Andrássy - der, trotzdem er Ungar war, eine zeitlang österreichischer Außenmini­ster war -, schwer durchsetzte: weil die Leute sich nicht vorstellen konnten, daß Österreich seinen Schwerpunkt nach Osten, nach den slawischen Ländern hin nehmen sollte. Man konnte sehen, es machte sich das slawische Element geltend, aber man konnte sich nichts anderes sagen als: Ja, was wird denn nun eigentlich aus dem Ganzen? Was will denn da werden? Was ist es denn, das Ganze? -Und man sah eigentlich im Grunde genommen gerade unter diesem Taaffe, dem unfähigen Taaffe - er hatte ja unter seinen Ministern einzelne sehr befähigte slawische Köpfe eben wie zum Beispiel Dunajewski, den polnischen Finanzminister, oder auch Prazák -, das slawische Element wirken. Aber durch das slawische Element wirkte die Verwirrung; fähige Köpfe, ganz ausgezeichnete Köpfe zum Teil, aber durch das ganze wirkte doch die Verwirrung durch. Und erst recht mit dem deutschen Element zusammen wirkte die Verwirrung.
Nun bitte, stellen Sie sich das mit etwas anderem zusammen, stellen Sie das zusammen damit, daß Peter der Große diejenige Persönlichkeit ist, welche in ihrer Jugend nach dem Westen geht, nach dem Haag, aus dem Westen zurückkommt nach St. Peters­burg, daß er diejenige Persönlichkeit ist, die bestrebt ist, westlän­disches Wesen in Rußland einzuführen gegen die Bestrebungen vieler, die glaubten, echt russische, orthodox-russische Leute zu sein. Versuchen Sie es sich klarzumachen, wie da in der Geschichte die Verhältnisse sind zwischen dem, was Russentum ist und dem, was Peter der Große nach Rußland hineingetragen hat. Was er da hineingetragen hat, Peter der Große, das war ja tatsächlich nicht etwas, das bloß für morgen oder übermorgen wirkte, sondern es war schon etwas, das einen Impuls über die Jahrhunderte hinaus gab. Man könnte sagen, man weiß, was das in Rußland wurzelnde Slawentum will, man weiß, wie es zusammenwirkt mit dem diffe­renzierten Slawentum, aber da steckt doch noch darinnen dasjeni­ge, was vom Westen her Peter der Große gebracht hat. Nun, Peter der Große hat eben nichts aufgeschrieben, aber er hat in einer gewissen Richtung seine Regierungshandlungen getrieben; was er getan hat, das ist in einer gewissen Richtung, in einem gewissen Stil gehalten. Und so rollt dasjenige, was aus dem Slawentum allein kommt, es rollt parallel und verwebt sich mit dem anderen, was aus dem Westen durch den dort seelisch mächtig gewordenen Peter den Großen gebracht worden ist. Versetzen Sie sich nun einmal in irgendeine Zeit nach Peter dem Großen und schauen Sie sich die europäische Politik an - können Sie da nicht sagen: Ja, in dem, was da fortwirkt von Peter dem Großen her, da sind konkrete Faktoren drinnen, die wirken? - Wer solche Dinge gesehen hat, wie ich sie Ihnen jetzt geschildert habe, der weiß: sie sind da.
Nun kommt so ein Sokolnicki, und über die Verhältnisse, unter denen er gelebt hat, meditiert er. Da geht im Innern seiner Seele auf dasjenige, was man nennt das «Testament Peters des Großen». Er fragt sich: Was liegen denn für Kräfte in dem, was von Peter dem Großen ausgeht? Was wird, wenn das sich vollzieht? Wie wäre das, wenn man das ungeschriebene Testament Peters des Großen nie­derschriebe, wenn man es niedergeschrieben dächte aus dem, was sich zum Teil aus Eingebungen ergibt, zum Teil aus Staatspapieren und dergleichen? - Muß man denn danach fragen, wie derjenige die Feder in die Tinte getaucht hat oder welche Tinte er benützt hat oder wie er die Feder geführt hat, wenn man nach der Entstehung von einem Schriftstück fragt? In der Weltgeschichte ist es nicht so.
Ich habe öfter eine kleine Sache hier erzählt, Jie mir selbst ein­mal passierte. Ich habe versucht nachzuweisen, wie der Goethesche Aufsatz über die Natur, die Hymne an die Natur, entstanden ist. Ich habe nachgewiesen, daß Goethe mit dem Schweizer Tobler an der Ilm spazieren ging und diesen Aufsatz vor sich hin sprach. Tobler hatte nun ein so ausgezeichnetes Gedächtnis, daß er hinter­her nach Hause ging und aufschrieb, was er von Goethe gehört hatte und es im «Tiefurter Journal» - das gerade aufgefunden wor­den ist zu der Zeit, als ich in Weimar war - erscheinen ließ. Ich habe nun im 7. Band der Goethe-Jahrbücher nachzuweisen ver­sucht, aus innerlichem und geistigem Grunde nachzuweisen ver­sucht, daß dieser Aufsatz im Tiefurter Journal von Goethe war, trotzdem dieser Aufsatz «Die Natur» nach Toblers Handschrift so wörtlich wie möglich im Journal steht.
Es handelt sich darum, daß man geschichtlich nicht zurecht­kommt, wenn man gerade bei den wichtigsten Dingen in einer, ich möchte sagen prosaisch-philiströs wortwörtlichen, philologischen Weise fragt nach dem Ursprung. Gewiß, in bezug auf das Schreiben ist das Testament eine Fälschung - aber es ist eine wahrhaftige Realität. Und wir haben den wirklichen Ursprung des Testamentes, gerade jenen Ursprung, den Graf Polzer nachzuweisen versuchte, wenn wir uns sagen: Der Sokolnicki hat in einer Art von Medita­tion und innerer Versenkung in Anknüpfung an das, was da war, also an das, was geschah, diese Sache aufgeschrieben. Aber er hat sie sich ja nicht aus den Fingern gesogen oder durch eine bloße innere Mystik erfahren, sondern er hat sie im ganzen Zusammen­hang mit den Weltereignissen gesehen. Und man könnte sagen: Er hat gerade das treffen wollen, was von Peter dem Großen inaugu­riert war, was er aus dem Westen gebracht hat. was aber noch nicht geschehen war.
Und nun sehen wir uns einmal an diesen babylonischen Turm des österreichischen Reichsrates unter dem Ministerium Taaffe, wie ich ihn nun geschildert habe. Sehen wir uns an, wie das siawische Ele­ment dasitzt, wie es gerade das begabte Element ist, aber eben nur Verwirrung bringen kann. Und geht man dem auf den Grund, so findet man in dem, was da zum Ausdruck kommt, eben etwas wie ein Fortwirken dieses Testaments Peter des Großen. So kann man sagen: Ja, dieses Testament Peters des Großen, es wirkt als eine historische Macht, aber es wirkt zu gleicher Zeit, wenn man die konkreten Tat­sachen ins Auge faßt, so, daß es verwirrt. Nun, nehmen Sie das dazu, was ich oftmals bei anderen Gelegenheiten ausgeführt habe, wie vom Westen inauguriert worden ist die spätere Politik, von der ich gesagt habe, sie läßt sich bis in die sechziger Jahre ganz gut zurückführen. Diese Politik besteht darin, daß angestrebt worden ist, im Osten dasjenige hervorzurufen, was sich ja dann auch hinlänglich erfüllt hat bis in alle Einzelheiten, was dann im Grunde genommen die Welt­kriegskatastrophe hervorgebracht hat. Dann kann man sich ja sagen, wenn man jetzt ordentlich geschichtlich, innerlich geschichtlich zu denken vermag: Ja, ist denn nicht die ganze Sache mit Peter dem Großen ein wunderbares Vorspiel, ein grandioses Vorspiel desjeni­gen, was später gekommen ist? - Ich möchte sagen, wenn irgendein Geist dasjenige hätte erzeugen wollen, was dann später gekommen ist im 20. Jahrhundert, er hätte nicht besser die Verwirrung, die vom Osten ausgeht, anrichten können als dadurch, daß er sich hätte kom­men lassen den Peter den Großen nach dem Haag, wo immer ver­schiedenes gebraut worden ist in bezug auf die Zusammenhänge der europäischen Politik, denn da gibt es einen kurzen Weg nach dem Anglo-Amerikanischen hinüber. Aber es ist Peter der Große dann zurückgegangen nach Petersburg, und er hat dort dasjenige inaugu­riert, was fortwirkte als «Testament Peters des Großen», womit man in einer wunderbaren Weise das eingeleitet hat, was eben jene Zu­stände geschaffen hat, die man brauchte, um dann das Spätere herbei­zuführen.
Es klingt, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man so et­was sagt, natürlich immer so, als würden die Dinge geradezu ab­sichtlich ins Paradoxe gezerrt; aber wenn man etwas kurz darstel­len muß, kann man es nicht anders, als daß man manches in schär­ferer Weise darstellt. Aber ich wollte eben darstellen - wollte man es ganz genau schildern, so müßte man eben manches anders sa­gen -, wie tatsächlich das Testament Peters des Großen eine reale historische Macht ist, trotzdem es in dem Sinne, wie Graf Polzür gesagt hat, eine Fälschung ist und Peter der Große niemals so etwas geschrieben hat wie dieses Testament oder dergleichen. Ich habe Ihnen gezeigt, wie es Kreise gezogen hat, wie man sehen kann am Beispiel der im österreichischen Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. Ich habe Ihnen gezeigt, wie man sagen kann, daß es da durchzittert, wenn man die Hausnerschen Reden über die Zivilisa­tion nimmt und alle die Reden liest, die da gehalten wurden von Prazák und anderen - man spürt, ich möchte sagen den Wind, der von diesem Peter dem Großen kommt. Man spürt in alle den Reden, die gegen und für die Okkupation von Bosnien und der Herzegovina gehalten worden sind, man spürt da in diesen Kämp­fen, die sich damals abgespielt haben, wie irgend etwas werden sollte. Man versuchte, einen Sinn hineinzubringen in die österrei­chische Politik: Es konnte kein Sinn hineingebracht werden, weil dasjenige wirkte, was den Sinn herausnehmen sollte, was zunächst Verwirrung stiften sollte, um dasjenige bewirken zu können, was dann im 19. Jahrhundert und später gekommen ist. Es ist leider die Zeit natürlich zu kurz gewesen, um so genau diese Dinge auszuführen, wie sie ausgeführt werden müßten, wenn man sie etwa beweisend darstellen wollte. Aber es liegt die Sache so, daß man durchaus sehen kann, wie das Testament Peters des Großen wirkte und wie es eigentlich darauf ankommt, die Wirk­samkeit dieses Testamentes zu verstehen. Denn dieses Testament -ich sage das jetzt nicht mit einer moralisierenden Nuance, sondern rein als Tatsache, ohne Emotion -, dieses Testament Peters des Großen hat eigentlich Österreich kaputtgemacht, natürlich neben der Unfähigkeit der Deutschen in Österreich, dieses Testament zu verstehen.
Und daher kann man schon sagen: Wer nun wirklich etwas Aussichtsvolles will, der muß eben ein anderes Dokument an die Stelle des Testamentes Peters des Großen setzen. Und da ist es schon notwendig, die Kräfte aufzusuchen, die eben dargestellt wurden durch jene Thesen, auf die Graf Polzer ja hingewiesen hat. Auf diese Sache will ich jetzt nicht eingehen. Ich wollte nur mit ein paar Strichen angeben, wie man sich vorzustellen hat, wie eben das Testament Peters des Großen eine Realität ist, die Kreise gezogen hat, und wie diese Kreise durchaus auch politisch-historische Realitäten sind.